Der Leibniz-Forschungsverbund Historische Authentizität bringt Forscher*innen aus unterschiedlichen Disziplinen zusammen, um die Sehnsucht nach historischer Authentizität und die Fabrikation des Authentischen in Geschichtskultur und Wissenschaften zu erschließen. Damit tragen wir zu einem vertieften und wissenschaftlich reflektierten Verständnis der Ressource Vergangenheit bei.

Unsere Themen widmen sich dem Wert des Authentischen im Umgang mit dem Natur- und Kulturerbe, in Museen, in der Denkmalpflege und Stadtentwicklung, in Gedenkstätten und der Living History. Wir diskutieren Bewahrungsstrategien in Museen, Sammlungen und Archiven und analysieren Authentizitäts- und Identitätspolitiken in gesellschaftlichen Auseinandersetzungen über das kulturelle Erbe und den Geschichtspolitiken der Gegenwart.

Dazu haben wir folgende Problemhorizonte und Querschnittsfragen definiert:

Historische Authentizität als Problem der Gegenwart

Untersucht wird die für zeitgenössische Gesellschaften so charakteristisch erscheinende Sehnsucht nach historischer Authentizität. Im Rahmen transnationaler, zeitlich diachron und synchron vergleichender Perspektiven wird gefragt, inwieweit der Aufstieg des Authentizitätstopos seit den 1970er Jahren mit gesellschaftlichen Veränderungen sowie einem Wandel des Geschichtsverständnisses korreliert.

Zeitschichten historischer Authentizität

Die Rekonstruktion historischer Authentizität zielt heute weniger auf die Wiederherstellung und Bewahrung eines "ursprünglichen" Zustands, sondern vermehrt auf eine Sichtbarmachung verschiedener Zeitschichten. Anhand der Restauration und Präsentation archäologischer Funde und materieller Überlieferung sowie des Umgangs mit historischen (Stadt-)Landschaften untersucht der Forschungsverbund die Historizität kultureller Überlieferung, in der sich vergangene Aneignungsweisen und Rezeptionsprozesse widerspiegeln.

Historische Authentizität in transnationaler Perspektive

Postkoloniale Zugänge zur Geschichte enthüllen zunehmend wie kulturell divers und regional spezifisch Authentizitätsvorstellungen sind. Wir fragen, inwieweit der Aufstieg des Authentizitätstopos als globales Phänomen angesehen werden muss und welche nationalen, regionalen und gruppenspezifischen Charakteristika identifiziert werden können.  Lässt sich von einem globalen Transfer und einer Harmonisierung von Authentisierungsvorstellungen sprechen?

Geschichtskonflikte zwischen Authentizität und Autorität

Geschichtskulturelle, (erinnerungs-)politische und wissenschaftliche Debatten äußern sich als Konflikte um Authentizität. Untersucht wird der instrumentelle Charakter von Authentizitätsansprüchen in unterschiedlichen nationalen, regionalen und transnationalen Kontexten, die oft als Strategien für politische, soziale, ökonomische und gesellschaftliche Ziele zu interpretieren sind.

Autorität und Autorisierung bestimmen dabei maßgeblich die Auswahl dessen, was eine Gesellschaft als "ihre" kulturelle Überlieferung begreift. In wissenschaftshistorischen und geschichtskulturellen Perspektiven wird die Konflikthaftigkeit von Authentizitätsbehauptungen u.a. bei der Durchsetzung von wissenschaftlichen Paradigmen, bei der Entstehung von Sammlungsidentitäten, der Präsentation von Ausstellungen sowie der Entwicklung von Karten und Schulbüchern untersucht.

Historischer Wandel von Beglaubigungsstrategien

Authentizitätszuschreibungen sind Modi der Evidenzerzeugung. Sie sind eingebettet in wissensspezifische Diskurse und beruhen auf Logiken wissenschaftlicher Verfahren und Praktiken, eingeübten Rhetoriken und Visualisierungsstrategien sowie gesellschaftlich verankerten Ritualen des Authentisierens. Der Forschungsverbund untersucht, wie sich wissenschaftliche Denkstile, institutionelle Rahmenbedingungen sowie Praktiken in Museen, Archiven und anderen erinnerungskulturellen Institutionen auf Beglaubigungsstrategien auswirken.

Historische Authentizität und medialer Wandel

Mediale Umbrüche verändern Evidenzmaßstäbe und erzeugen neue Möglichkeiten der Authentisierung. Heute werden neue Informationstechnologien – web-basierte Archivierung, digitale Geovisualisierung sowie computerlinguistische Tools zur Rekonstruktion historischer Bedeutungszusammenhänge – genutzt, um historische Wissensbestände zu bewahren, zu erforschen und ihre Ergebnisse in die Öffentlichkeit zu vermitteln. Reflektiert wird, wie Medien die Wahrnehmung und Herstellung historischer Authentizität beeinflussen.

Historische Authentizität als Erfahrungsdimension

Das Bedürfnis nach historischer Authentizität zeigt sich u.a. in der Wertschätzung von "authentischen Objekten" und "authentischen Orten", aber auch in der Emphase, mit der man Zeitzeugen begegnet oder in die Geschichte durch Re-Enactments eintaucht. Die sinnliche Anmutungsqualität der Überreste, Relikte und Spuren sowie die Empathie für gelebte und "verkörperte" Geschichte entscheiden zunehmend über den Grad der Aufmerksamkeit, die einem vergangenen Ereignis oder einer Epoche zu Teil wird. Der Forschungsverbund untersucht das Spannungsverhältnis von historischer Erfahrung, Erlebnis und reflexiver Aneignung von Geschichte, von historischer Authentizität und Inszenierung.