Leibniz-Forschungsverbund
Historische Authentizität

© DBM/Olaf Ziegler

Authentizität und industriekulturelles Erbe (DBM)

Schon heute und besonders mit dem Ende des aktiven Steinkohlenbergbaus im Jahr 2018 fällt dem Deutschen Bergbau-Museum Bochum (DBM) eine Schlüsselposition für die industriekulturelle Erinnerungsarbeit im Ruhrgebiet zu. In diesem Kontext wird das DBM die Problematik der Authentizität von Industriekultur im Hinblick auf die materielle Dimension des historischen Erinnerns und Vergessens untersuchen. Zunächst wird anhand des materiellen industriellen Erbes im Ruhrgebiet danach zu fragen sein, welche Rolle Objekten für die Entstehung einer kulturellen Identität zukommt. Fokussiert werden sollen gesellschaftliche Selektions- und Aushandlungsprozesse, die von verschiedenen Akteuren aus Politik, Kultur, Wissenschaft und Öffentlichkeit beeinflusst und gesteuert werden. Gerade für Forschungsmuseen ist es weiterhin wichtig, sowohl Selektionsmechanismen bewahren, vergessen, zerstören als auch die „Zurichtungen“ von historischen Objekten etwa bei der Restaurierung transparent und nachvollziehbar zu machen.


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Reproduktion und Transformation musikalischer Interpretation: Notenrollen für selbstspielende Klaviere (DM)

Die Erforschung der Sammlungsbestände im Rahmen der Initiative Deutsches Museum Digital umfasst eine detaillierte Erschließung und Digitalisierung der Objekte. Prototypisch erfolgt dies anhand der Sammlung von rund 3.000 Notenrollen für selbstspielende Klaviere. Ziel ist eine Homepage mit Datenbank, vielseitigen Einstiegsmöglichkeiten in die Recherche und audiovisueller Präsentation des gescannten Rollenprogramms. Notenrollen sind historische Versuche, die ephemere Kunst der Musik zu speichern. Als populäre Programmträger zur Wiedergabe originärer musikalischer Interpretationen waren sie vor gut 100 Jahren weit verbreitet. Hierfür wurde eine eigene Notationsweise zur Fixierung und Materialisierung der Musik entwickelt. Durch die Digitalisierung soll diese konserviert und erneut hörbar gemacht werden. Notenrollen stellen somit eine erste, die aktuelle Digitalisierung eine zweite mediale Transformation eines musikalischen Geschehens dar. Was vermittelt sich durch die aktuelle digitale Reproduktion von der ursprünglichen musikalischen Interpretation oder bildet die Transformation gar eine eigene Ästhetik heraus? Diese Fragen bestimmen die musikwissenschaftliche Aufführungsforschung und leiten über zur Diskussion, wie den verschiedenen Schichten von Authentizität in der Museumspräsentation nachgespürt werden kann.


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Die Ausstellung archäologischer Objekte: Original und Rekonstruktion (DSM)

Am Beispiel der „Bremer Kogge“ werden die technische Weiterentwicklung der virtuellen Rekonstruktion erforscht sowie die damit verbundenen Möglichkeiten verfallende bzw. nicht mehr vorhandene Objekte für die Nachwelt zu erhalten. Das Projekt wird am Deutschen Schiffahrtsmuseum Bremerhaven (DSM) zusammen mit einem Fraunhofer Institut aus der Forschungsallianz FALKE (Forschungsallianz Kulturerbe) umgesetzt. Der Frage, ob das Museum nur ein Ort des Originals oder auch zusätzlich ein Ort des authentischen Erlebens ist — untrennbar an die physische Präsenz des Betrachters verknüpft —, soll im Rahmen des Forschungsprojekts exemplarisch nachgegangen werden.


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Strukturen und Praktiken des Erinnerns und Vergessens im schulischen Raum (GEI)

Das Georg-Eckert-Institut für internationale Schulbuchforschung (GEI) und insbesondere sein Querschnittsbereich "Erinnerungskulturen" werden in internationaler Perspektive Akteure, Diskurse und Praktiken des Überlieferns zwischen Erinnern und Vergessen mit Blick auf das Medium Geschichtsschulbuch analysieren. Kombiniert werden dabei drei methodische und theoretische Zugänge: Erstens werden die der Produktion von Geschichtsschulbüchern vorgelagerten Aushandlungsprozesse um die Definition von Schulrelevanten Repräsentationen der Vergangenheit untersucht. Zweitens werden die in Geschichtsschulbücher gelangten Repräsentationen in diachron vergleichender Perspektive analysiert. Im Rekurs auf das Konzept der Pfadabhängigkeit wird gefragt, inwieweit aktuell zirkulierende Repertoires der Überlieferung in einen Verweisungszusammenhang zu früheren Versionen gestellt werden können. Drittens schließlich gehen Projekte am GEI in Anlehnung an praxistheoretische Überlegungen der Frage nach, wie Schüler/innen und Lehrer/ innen sich die in Geschichtsschulbüchern zu findenden Repräsentationen der Vergangenheit aneignen.


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Geschichtsbilder im Museum (GNM)

Die wechselnde (Dar-)Stellung der Vergangenheit in der Gegenwart wird im Museum zum Indikator sich wandelnder Geschichts- und Gesellschaftskonzepte. Ihre Dekonstruktion macht Praktiken der Autorisierung und des Verdrängens von Vergangenheit unmittelbar anschaulich. Mit geeigneten Vermittlungsangeboten will das Teilprojekt im Germanischen Nationalmuseum (GNM) in Nürnberg die Parameter aufzeigen, die im Museum die „Wirklichkeit des Vergangenen“ bestimmen. Die Aufbewahrungs- und Erhaltungswürdigkeit der Sachkultur hängt neben den gesellschaftlichen Rahmenbedingungen insbesondere von den konservatorischen Gegebenheiten wie Alterung und Reparatur ab, aber auch von einer gezielten Manipulation und Veränderung bzw. Anpassung an neue Funktionszusammenhänge. Gezeigt werden soll dies am Behaim-Globus, der heute weltweit ältesten Darstellung der Erde in Kugelform (angefertigt unmittelbar vor der Entdeckung der Neuen Welt 1492). Am Beispiel der ergänzenden Redaktionen der Kartentextur, über die konservatorischen „Optimierungen“, Faksimilierungen und Ausstellungen bis hin zu Verfilmungen seiner Entstehungsgeschichte und seiner auratischen Aufladung zum epochalen Sammlungs-Highlight kann in Zusammenschau mit vergleichbaren Objekten exemplarisch gezeigt werden, welche Rolle die Musealisierung in solchen Prozessen spielte und spielt.


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Bibliothekarische Authentizitätszuschreibungen (HAB)

Die aus dem Geist der Renaissance und der Reformation entstandene Herzog August Bibliothek Wolfenbüttel (HAB) ist selbst ein authentisches Zeugnis gelehrter und frommer Bildung und Sammeltätigkeit der europäischen Frühen Neuzeit. Sie bewahrt zugleich bis in vorkarolingische Zeit datierte Handschriften. Die im Laufe der Jahrhunderte so zusammengetragenen Dokumente sind selber durch den ihnen zugewiesenen Platz Teil einer Ordnung ebenso wie sie durch ihre Ausstattung (Einbände) und ihre Aufstellung im Kontext zu neuer Authentizität gelangt sind. Die so gebildete Vielschichtigkeit von Authentischem, das nicht nur zur Bezeugung, sondern auch zur Repräsentation oder zur Untermauerung von Geltungsansprüchen auftrat, ist Gegenstand der reflexiven Beschäftigung der HAB als einer selbständigen Forschungsstätte mit ihren eigenen Beständen. Dazu gehört auch die Ermittlung der Aufmerksamkeitsgrenzen und der Wertschätzungsprofile aus der Wahrnehmung des je nicht für die Sammlungen für würdig befundenen.


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Kulturelle Überlieferungen und das national „Authentische“ in Ostmitteleuropa (HI)

In einem Vorhaben des Marburger Herder-Instituts für historische Ostmitteleuropaforschung – Institut der Leibniz-Gemeinschaft (HI) sollen allgemeine Formen der Ästhetisierung und wissenschaftlichen Konzeptionalisierung des Nationalen in seiner angeblich „ursprünglichen“ Form offen gelegt werden. Ein besonderes Augenmerk wird dabei auf Deutungskonflikte und Formen der Instrumentalisierung der Überlieferungen gelegt und Wege für ein mögliches Projektmanagement erschlossen, das grenz- und sprachübergreifend die Entstehungsbedingungen und Konstruktionskerne des national-historisch „Authentischen“ unter Einbindung neuer Medien aus heutiger Perspektive transparent macht. Ein weiterer Schwerpunkt gilt entsprechend auch der heutigen Relevanz von Authentizitätsvorstellungen, beispielsweise in Nationskonzepten oder Minderheiten- und Regionalismusbewegungen sowie ihren Implikationen für die politische Kultur oder den europäischen Gedanken. Auch Formen der Musealisierung, Popularisierung, Trivialisierung und Ironisierung des national „Authentischen" sollen in den Blick genommen werden. Das Vorhaben ist mit dem Forschungsprogramm der Leibniz Graduate School "History, Knowledge, Media in East Central Europe" eng verknüpft.

 


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Überlieferungen, Repräsentationskonflikte und Geschichtskultur in Postkonfliktgesellschaften (HSFK und ZMO)

In den Beiträgen der Hessischen Stiftung Friedens- und Konfliktforschung (HSFK) in Frankfurt am Main und des Zentrums Moderner Orient (ZMO) in Berlin geht es um Konfliktbewältigung, Erinnerungskultur und Vergangenheitsbearbeitung in Postkonfliktgesellschaften. Am ZMO werden Themen wie: Fortschritt und Niedergang und ihre Betrachtung im historischen Wandel; lokale Historiographien und die Auseinandersetzungen um historische Deutungshoheiten sowie die Rolle von kulturellen respektive regionalen Spezifika bei der Tradierung von Überlieferungen diskutiert. Regionale Schwerpunkte dieser Untersuchungen sind Afrika, der Nahe Osten sowie Süd-, Zentral- und Südostasien. Die HSFK konzentriert sich dagegen auf konfligierende Geschichtsdeutungen sowie Macht- und Anerkennungskonflikte in Postkonfliktgesellschaften. Sie hält hierfür u.a. Forschungsexpertise zu Bosnien-Herzegowina, Makedonien, Timor Leste, Guinea-Bissau, Angola und Nordirland bereit.


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Erinnerungsdiskurse, Wissensbestände und Wertekonzepte (IDS)

Der Forschungsschwerpunkt ‚Sprachliche Umbrüche des 20. Jahrhunderts‘ am Mannheimer Institut für deutsche Sprache (IDS) untersucht kollektive, im Diskurs repräsentierte Konzeptualisierungsprozesse. Sie stehen, als Wissensanalysen, immer auch im Kontext zum einen von erinnertem und nichterinnertem Wissen, zum andern von Reflexionen über Zeit. Diese kulturanalytisch höchst bedeutsame Perspektive der auf Zeit bezogenen Bewusstseinsgeschichte und ihre sprachlich-diskursive Realisierung lässt sich als interdisziplinäre Perspektive eines Kooperationsprojekts darstellen und als Strategie der ‚Authentisierung‘ spezifizieren. Anknüpfend soll im Sinn von sprachlich repräsentierten Zeitreflexionen mit der Kategorie ‚kommunikatives Gedächtnis‘ insbesondere die Moralität von Erinnern im Kontext eines Wertediskurses rekonstruiert werden. Unter der Vorannahme, dass die gesellschaftlichen Diskurse des 20. Jahrhunderts zunehmend von Ethisierungsstrategien als Legitimationsinstanzen geprägt sind (man denke an die Schulddiskurse nach dem Ersten und Zweiten Weltkrieg), kann hier die kulturanalytische Sprachgeschichte den Wandel von Werte repräsentierenden Konzepten darstellen, welche wiederum die ‚zur Sprache gekommene Erinnerung‘ konstituieren.


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Autorität und Autorisierung (IEG)

Europäische Gesellschaften nahmen stets distinkte, historisch und religiös begründete Wertvorstellungen und zivilisatorische Errungenschaften in Anspruch, die einen in der Regel impliziten, aber auch expliziten Kanon kultureller Überlieferungen formten. Diese Kanonisierungen korrespondieren mit den „fließenden“ Grenzen, Zentren und Peripherien des „Kommunikationsraums Europa“. In diesem Rahmen nimmt das Mainzer Leibniz-Institut für Europäische Geschichte (IEG) die Autoritätskonstruktionen in den Blick, die die Selektion kultureller Überlieferung in Europa bestimmten. Heuristisch unterschieden wird zwischen erstens den Akteuren und Institutionen, zweitens den sinngebenden Instanzen, drittens den Modi der Zuschreibung, viertens den Argumenten, Strategien und Wirkmechanismen sowie fünftens den Medien und diskursiven Formationen solcher Autoritätskonstruktionen, die mit expliziten oder impliziten Normierungen verbunden sind. Als Referenzprojekte bringt das IEG u.a. die folgenden Themen in den Forschungsverbund ein:  1.) Historizität der Bibelauslegung, 2.) Gesellschaftliche Normierungen jüdischer Geschichtsschreibung, 3.) Globale Authentifizierungsprozesse und 4.) Kirchliche Autorisierungsstrategien.


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Karten als Medien des Erinnerns und Vergessens (IfL)

Im Rahmen des Forschungsverbundes wird das Leibniz-Institut für Länderkunde (IfL) in Leipzig, speziell seine beiden Forschungsgruppen zu „Geovisualisierung“ und „Geschichte der Geographie“ die Rolle von Karten in Prozessen des Erinnerns und Vergessens analysieren. Aufgabe des Instituts im Projektverbund wird es sein, die Rolle von Karten in komplexen Prozessen kultureller Überlieferung zu untersuchen und hierbei besonderes Augenmerk auf den Umgang mit und die Wirkungsweisen von Karten in einschlägigen Vermittlungszusammenhängen zu studieren. Anknüpfend an Befunde aus dem Bereich der critical cartography wird davon ausgegangen, dass Karten als eine über Zeichensysteme funktionierende Form der Geocodierung sind, die in Gebrauchssituationen als Abbild „der“ Wirklichkeit eingesetzt werden. Karten tragen so erheblich zur Formung und Ordnung von Wissen bei; sie können erfolgreich als elegante Instrumente für die Herstellung von Konsens und Einheit eingesetzt werden, eignen sich hervorragend, um (bestimmte) kollektive Muster des Sehens zu etablieren. Mithilfe von bestimmten Kartensprachen können scheinbar konsistente Räume konstruiert werden: Karten sind daher ein unverzichtbares Mittel, wenn es um die Durchsetzung memorialer Deutungsmacht geht und/oder darum, in einer Politik der Wahrheit imaginierte (neue) Gemeinschaften und Identitäten zu kreieren.


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Authentizität und Opferidentität in der Geschichtskultur (IfZ)

Zum schwierigen Erbe des 20. Jahrhunderts gehört es, dass die Relation von Tätern und Opfern auch kulturell eine dauerhafte Bedeutung gewonnen hat. Die „Opferidentifikation“ ist geradezu zu einem europäischen „Gemeinschaftsversprechen“ geworden (U. Jureit). Die hier vom Institut für Zeitgeschichte (IfZ) in München sowie Berlin skizzierte Arbeitsperspektive zielt darauf, die Konstruktionsprozesse von Opfergruppen, deren „Arbeit am Authentischen“ sowie ihre Durchsetzungskraft im kollektiven Gedächtnis vergleichend zu erforschen. Die vieldiskutierte und umstrittene Problematik des Verhältnisses von Wissenschaft und Erinnerung, von Geschichte und Gedächtnis könnte damit gleichsam an der Wurzel gepackt werden. Zu untersuchende Konstitutionsmechanismen sind das Spannungsfeld von Erfahrung und Deutung durch die Betroffenen selbst, die jeweilige Rolle der Kontingenz in der Wahrnehmung der Akteure, die jeweils unterschiedlichen Bewertungen der Vergangenheit, die Bildung und Aktivität von Verbänden sowie das diskursive und mediale Ringen um einen angemessenen (Gedenk-)Ort im öffentlichen Umgang mit Geschichte. Daneben kommt der staatlichen Politik, Gesetzgebung und Justiz im Konstruktions- und Authentifizierungsprozess von Opfergruppen eine letztentscheidende Bedeutung zu. Die Forschungen sollen in einen breiteren und vergleichenden globalen Kontext eingeordnet werden.


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Die Stadt als Überlieferungsraum (IRS und ZZF)

Das geplante Kooperationsvorhaben des Leibniz-Instituts für Raumbezogene Sozialforschung (IRS) in Erkner und des Zentrum für Zeithistorische Forschung Potsdam (ZZF) untersucht am Beispiel ausgewählter Städte wie München, Potsdam, Berlin, Warschau und Lyon die Prozesse städtischer Identitätsbildung und Identitätszuschreibung, die um die Wiedergewinnung historischer Perspektiven in der Stadtlandschaft kreisen. Im Fokus stehen zum einen die öffentlichen und städtebaulichen Auseinandersetzungen um den Umgang mit der „Altstadt“ als Topos wie zum anderen die Rückgewinnung verlorener Bausubstanz auf dem Wege der Rekonstruktion von Authentizität. Das Vorhaben unternimmt eine kritische Überprüfung etablierter Forschungspositionen wie z.B. die der „traditionalistischen“ Wende im Städtebau um 1975 und strebt eine zeitlich übergreifende Charakterisierung der „Geschichtlichkeitsregime“ (F. Hartog) europäischer Stadtgesellschaften im 20. Jahrhundert an. Über die Auseinandersetzungen um historische Perspektiven in öffentlichen Debatten zur Stadtentwicklung hinaus soll deren institutioneller und stadtkultureller Niederschlag in Museumsgründungen und Archiven, historischen Vereinen und Bürgerinitiativen bis hin zu städtebaulichen Masterplänen und historisierenden Wiederaufbauprojekten einbezogen werden.


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Die kognitiven Wirkungen von Re-Enactments (IWM)

Digitale Medien spielen bei der Veranschaulichung historischer Sachverhalte eine zunehmend wichtigere Rolle, sei es in Form interaktiv begehbarer Rekonstruktionen historischer Orte, Gebäude oder Situationen, sei es bei der dreidimensionalen Reproduktion historischer Artefakte. Ihre Wirkung auf den Prozess historischer Sinnbildung bei den Betrachtern ist allerdings noch weitgehend ungeklärt. Diesbezügliche relevante Forschungsfragen sind beispielsweise: Stellen digitale Reproduktionen historischer Artefakte ein angemessenes Substitut für reale Gegenstände dar oder geht mit ihrer Virtualisierung ein Verlust erlebter Authentizität einher, der sich negativ auf Verstehen und Sinnbildung auswirkt? Erleichert es die Rekonstruktion historischer Orte und Situationen den Betrachtern, sich in eine historische Welt zu versetzen und damit eine angemessenere Vorstellung zu entwickeln – oder führt sie zu einem Verlust an Distanz und kritischer Reflektion? Wie kann bei Rekonstruktionen Faktisches von Plausiblem in einer Weise optisch unterschieden werden, das es von Betrachtern bemerkt und bei ihren Verstehensprozessen berücksichtigt wird? Das Tübinger Institut für Wissensmedien (IWM) beabsichtigt, diese Problemstellungen auf der Grundlage aktueller Theorien der Wahrnehmungs- und Kognitionspsychologie sowie unter Einsatz eines differenzierten Spektrums empirischer Methoden in Laborexperimenten und Feldstudien zu untersuchen und dadurch einen Beitrag zur Analyse der Rezeptionsmuster der Authentifizierung zu leisten.


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Naturwissenschaftliche Sammlungen als Kulturgut (MfN und SGN)

Die Bedeutung naturhistorischer Sammlungen als Forschungsinfrastruktur für die Biodiversitäts- und die Evolutionsforschung hat in den letzten Jahren stetig zugenommen. Auch kulturwissenschaftliche  Aspekte naturhistorischen Sammelns werden von den Naturkundlichen Museen der WGL, dem Berliner Museum für Naturkunde - Leibniz-Institut für Evolutions- und Biodiversitätsforschung (MfN) und den Senckenberg Naturmuseen - world of biodiversity (SGN), umfassend reflektiert. Das Museum für Naturkunde hat 2013 die Abteilung PAN (Perspektiven auf Natur) als Ort des Dialogs über ihre Sammlungen und Forschung mit den Kulturwissenschaften und Künsten etabliert, um mit neuen Fragestellungen, Themen und Methoden das Verständnis von "Natur" zu vertiefen. Die Senckenberg Naturmuseen beleuchten interkulturelle Perspektiven auf naturkundliche Fragen zudem in „Gemeinsam Natur erleben – Interkultureller Austausch in Frankfurt“. Diese und weitere Initiativen von MfN und SGN fördern und realisieren Forschungs- und Vermittlungsprojekte in Kooperation mit Partnern aus den Sozial- und Kulturwissenschaften sowie der Kunst. Ziel ist es u.a., die Wissensproduktion und -präsentation an den beiden Naturkundlichen Museen in Vergangenheit und Gegenwart zu untersuchen, zu vermitteln und einen interdisziplinären Diskurs über das Museum für Naturkunde im 21. Jahrhundert zu führen. So fragen PAN und „Gemeinsam Natur erleben“ nach den sozialen, politischen, kulturellen und historischen Kontexten, in denen sich Begriffe von Natur, naturkundliche Disziplinen, die Sammlungen und deren museale Vermittlung zu unterschiedlichen Zeiten entwickeln.


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Archäologisches Restaurieren zwischen Interpretation und Informationswiederbeschaffung (RGZM)

Die Entwicklung der im Bereich der archäologischen Restaurierung eingesetzten Methoden und Verfahren gestatten heute sehr viel präzisere Aussagen bezüglich der Herstellungstechniken archäologischer Artefakte, ihrer Funktion und ihrer Geschichte. Immer stärker werden zudem naturwissenschaftliche Untersuchungsmethoden in die restauratorische Arbeit eingebunden und zur Beantwortung bestimmter Fragen im Rahmen der Fertigung der Artefakte, zur Identifizierung von Materialien und ihrer Herkunftsbestimmung herangezogen. Diese Entwicklung hat die Arbeit der Restauratoren verändert, weg von der Aufgabe, möglichst viele Objekte möglichst schnell präsentabel zu machen, hin zu einer intensiven Befragung des einzelnen Objektes als Informationsträger über sich selbst. Allerdings geschieht diese Befragung oft noch nicht systematisch genug, was zu Fehlinterpretationen und Falschaussagen führen kann. Darüber hinaus bestehen in der Restaurierung und den damit verbundenen Kulturwissenschaften kontroverse Auffassungen hinsichtlich der Frage, in wie weit es vertretbar ist, zur Informationsgewinnung den heutigen Zustand eines Objektes etwa durch Abtragen von Auflagerungen auf der antiken Oberfläche, durch Ergänzung von Fehlstellen oder gar durch Eingriffe in die Originalsubstanz zu verändern. Es ist das Ziel des Projektes des Römisch-Germanischen Zentralmuseums (RZGM) in Mainz, für diese Fragen nach der historischen Authentizität geeignete Parameter hinsichtlich der Herangehensweise sowie Untersuchungsmethoden zu formulieren und diese exemplarisch umzusetzen.


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Historische Authentifizierung im 20. Jahrhundert: das Zeitzeugnis (ZZF)

Das Vorhaben des Zentrums für Zeithistorische Forschung Potsdam (ZZF) untersucht den Aufstieg des Zeitzeugnisses als Träger von zugeschriebener Authentizität auf den verschiedenen Ebenen der historischen Repräsentation im 20. und 21. Jahrhundert. Öffentliche Bedeutung erlangte in den letzten fünfzig Jahren - insbesondere seit dem Eichmann-Prozess - die zuvor unbekannte Figur des Zeitzeugen, der die „authentische“ Unmittelbarkeit der historischen Erfahrung mit der sinnweltlichen Bestätigung gegenwärtiger Normen und Werte verbindet. Das Forschungsprojekt vergleicht die Karriere des Zeitzeugen mit der Entstehungs- und Wirkungsgeschichte einer immer stärker sakralisierenden Aura des Authentischen in der zeitgeschichtlichen Objektkultur und Gedenkstättenentwicklung, die den „authentischen Ort“ und das „authentische Objekt“ erlebbar zu machen sucht. Während die Forschung sich dem Zeitzeugen als Quelle mittels der bereits seit den 1980er Jahren in Deutschland etablierten Oral History nähert, sind die Methoden der Material Culture zur Analyse der historischen Objekte in der deutschen Geschichtsforschung noch nicht etabliert. Diese sollen anhand des geplanten Projekts verstärkt für die zeithistorische Forschung erprobt werden. Dabei ist zu beachten, dass der Vermittlungswert der historischen Objekte mit dem Grad der ihnen zugewiesenen Authentizität steigt. Wie diese Wertsteigerung vor sich geht und welche Folgen sie mit sich bringt, wird Schwerpunkt des Projektvorhabens sein.


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Konzeption

Der Forschungsverbund führt unter seinem Dach verschiedene Zugänge zum Thema sowie laufende Projekte zusammen, die an den
18 beteiligten Einrichtungen der Leibniz-Gemeinschaft sowie von den Kooperationspartnern durchgeführt werden. Weitere gemeinsame Projekte sind in Planung.