Leibniz-Forschungsverbund
Historische Authentizität

© RGZM/V. Iserhardt, R. Müller

Problemhorizonte

Historische Authentizität als Problem der Gegenwart

Untersucht wird die für zeitgenössische Gesellschaften so charakteristisch erscheinende Sehnsucht nach historischer Authentizität. Im Rahmen transnationaler, zeitlich diachron und synchron vergleichenden Perspektiven wird gefragt, inwieweit der Aufstieg des Authentizitätstopos mit gesellschaftlichen und kulturellen Veränderungen sowie einem Wandel des Geschichtsverständnisses korreliert.

Zeitschichten historischer Authentizität
Die Rekonstruktion historischer Authentizität zielt heute weniger auf die Wiederherstellung und Bewahrung eines "ursprünglichen" Zustands, sondern vermehrt auf eine Sichtbarmachung verschiedener Zeitschichten. Anhand der Restauration und Präsentation archäologischer Funde und materieller Überlieferung sowie des Umgangs mit historischen (Stadt-)Landschaften untersucht der Forschungsverbund die Historizität kultureller Überlieferung, in denen sich vergangene Aneignungsweisen und Rezeptionsprozesse widerspiegeln.

Historische Authentizität als Erfahrungsdimension
Das Bedürfnis nach historischer Authentizität zeigt sich in der Wertschätzung des "Zeitzeugen", des "authentischen Objekts", des "authentischen Ortes" oder in verschiedenen Formen des Re-Enactments. Die sinnliche Anmutungsqualität der Überreste, Relikte und Spuren sowie die Empathie für gelebte und "verkörperte" Geschichte entscheiden zunehmend über den Grad der Aufmerksamkeit, die einem vergangenen Ereignis oder einer Epoche zu Teil wird. Der Forschungsverbund untersucht das Spannungsverhältnis von historischer Erfahrung, Erlebnis und reflexiver Aneignung von Geschichte, von historischer Authentizität und Inszenierung.


Historischer Wandel von Beglaubigungsstrategien

Authentizitätszuschreibungen sind Modi der Evidenzerzeugung. Sie sind eingebettet in wissensspezifische Diskurse und beruhen auf Logiken wissenschaftlicher Verfahren und Praktiken, eingeübten Rhetoriken und Visualisierungsstrategien sowie gesellschaftlich verankerten Ritualen des Authentisierens. Der Forschungsverbund untersucht, wie sich wissenschaftliche Denkstile, institutionelle und gesellschaftliche Rahmenbedingungen sowie Praktiken in Museen, Archiven und anderen erinnerungskulturellen Institutionen auf Beglaubigungsstrategien auswirken.

Historische Authentizität und medialer Wandel
Mediale Umbrüche verändern Evidenzmaßstäbe und erzeugen neue Möglichkeit der Authentisierung. Heute werden neue Informationstechnologien - web-basierte Archivierung, digitale Geovisualisierung sowie computerlinguistische Tools zur Rekonstruktion historischer Bedeutungszusammenhänge - genutzt, um historische Wissensbestände zu bewahren, zu erforschen und ihre Ergebnisse in die Öffentlichkeit zu vermitteln. Reflektiert wird, wie Medien die Wahrnehmung und Herstellung historischer Authentizität beeinflussen.


Authentizitätskonflikte

Geschichtskulturelle, (erinnerungs-)politische und wissenschaftliche Debatten äußern sich als Konflikte um Authentizität. Untersucht wird der instrumentelle Charakter von Authentizitätsansprüchen als Strategien für politische, soziale, ökonomische und gesellschaftliche Ziele in unterschiedlichen nationalen, regionalen und transnationalen Kontexten.

Authentizität und Autorität
Autorität und Autorisierung bestimmen maßgeblich die Auswahl dessen, was eine Gesellschaft als "ihre" kulturelle Überlieferung begreift. In wissenschaftshistorischen und geschichtskulturellen Perspektiven wird die Konflikthaftigkeit von Authentizitätsbehauptungen u.a. bei der Durchsetzung von wissenschaftlichen Paradigmen, bei der Entstehung von Sammlungsidentitäten und der Präsentation von Ausstellungen sowie der Entwicklung von Karten und Schulbüchern untersucht.

Integrative Fragestellungen

Der Forschungsverbund bringt verschiedenste Fachdisziplinen zusammen. Um Synergien und transdisziplinäre Forschung zu ermöglichen, wurden auf dem Workshop in Mainz (2013) drei Problemhorizonte formuliert, aus denen sich Leitfragen für Forschungsschwerpunkte und Einzelprojekte ergeben.