Leibniz-Forschungsverbund
Historische Authentizität

© MfN/Hwa Ja Goetz

Forschungsprojekte

Musealisierung der Gegenwart

Dr. Andreas Ludwig | Zentrum für Zeithistorische Forschung Postdam
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Gefördert von der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG)

Mit der Musealisierung von Gegenwart ist eine prospektive Historisierung verbunden. Das Projekt untersucht an der Schnittstelle von zeithistorischer Forschung und musealer Praxis den Aufbau von Quellenbeständen der materiellen Kultur in seinen zeitlichen und gesellschaftlichen Kontexten.

Historische Museen bauen durch Sammeln eine kulturelle Überlieferung auf, die die empirische Grundlage eines materiellen Gedächtnisses bilden. Während sie traditionell historische oder vom Verschwinden bedrohte Kulturgüter bewahrten, deutet sich inzwischen ein Perspektivwechsel an, indem die Gegenwart stärker in den Fokus musealer Aktivität rückt. Dieser Wandel der Institution Museum korrespondiert mit dem zunehmenden Gegenwartsbezug in der zeithistorischen Forschung, die nicht mehr nur aus der Gegenwart auf die Geschichte gerichtet ist, sondern die eigene Gegenwart als künftige Geschichte begreift. Dieser Perspektivwechsel wird unter der Fragestellung des "Geschichte Machens" durch Sammeln genauer nachgegangen. Wie gehen Museen mit der Herausforderung des Gegenwartssammelns um und welche Konsequenzen hat das für die museale Sammlungsarbeit? Welche Themen werden als relevant für eine künftige Geschichte erachtet, wie verlaufen die Interpretations- und Entscheidungsprozesse? Wenn nicht alles gesammelt werden kann, was sind dann die Auswahlkriterien? Wird eine systematische Gegenwartsdokumentation angestrebt oder eine akzidentielle Einbeziehung aktueller Themen? Auf welche disziplinären Fragestellungen und Methoden wird Bezug genommen? Was können Zeithistoriker/-innen erwarten, wenn sie museale Sammlungen für ihre Forschungen nutzen wollen und welchen Beitrag können Museen zu einer Zeitgeschichte, die auch Quellen der materiellen Kultur nutzt, leisten? Das Projekt untersucht die sammelnde Aneignung von Gegenwart durch die Analyse von Museums- und Sammlungskonzeptionen, den ihnen zugrunde liegenden Debatten und den Ausprägungen des Sammelns durch Untersuchung von Sammlungskatalogen und -beständen. Untersuchungsfeld sind historisch argumentierende Museen: Deutsches Historisches Museums, Haus der Geschichte, Germanisches Nationalmuseum sowie die Stadt- und Regionalmuseen in Frankfurt am Main, Berlin und Dresden und drei Spezialmuseen (Deutsches Hygienemuseum, Deutsches Bergbaumuseum, Badisches Landesmuseums). Der zeitliche Schwerpunkt der Untersuchung umfasst die Zeit seit den 1970er Jahren bis in die Gegenwart.

Die Laufzeit des von der Deutschen Forschungsgemeinschaft geförderten Projekts ist 2017 bis 2020.


Authentizitätspopulismus: Versionen des Authentischen in Diskursen des Populismus in Brasilien, Indien und der Ukraine

Christoph Kohl | Georg-Eckert-Institut für internationale Schulbuchforschung (GEI) / Hessische Stiftung für Friedens- und Konfliktforschng (HSFK), in Kooperation mit dem Zentrum Moderner Orient (ZMO) und dem Zentrum für Zeithistorische Forschung Potsdam (ZZF)

Gefördert durch die VolkswagenStiftung

Welche Rolle spielt der Anspruch auf Authentizität in Diskursen des Populismus in Brasilien, Indien und der Ukraine und welche Bedeutung hat hierbei Medialität? Debatten um das Authentische sind uns aus dem globalen Norden wohl vertraut, während postkoloniale gesellschaftliche Kontexte bislang kaum in theoretische Reflexionen über Populismus und dessen autoritäre Tendenzen eingeflossen sind. Hier setzt das Projekt an. (Rechts)Populistische bzw. fundamentalistische Bewegungen, die bisherige dominante Diskurse unter Druck setzen, nehmen weltweit, auch in Brasilien, Indien und in der Ukraine zu. Populisten beanspruchen, als Stimme des "Volkes" besonders authentisch zu argumentieren. Gerade weil Aufmerksamkeit ein knappes Gut im digitalen Zeitalter ist, lancieren sie einen schrillen Überbietungswettbewerb, um Gehör mit ihrer Behauptung von Authentizität zu finden. Die Betonung von Authentizität kann dabei als Einspruch gegen einen Mainstream-Konstruktivismus oder als Bestätigung eines "anything goes" gewertet werden. Gemeinsam mit ExpertInnenen aus den Ländern werden wir interdisziplinär und ländervergleichend diskutieren, wie in populistischen Diskursen Authentizitätsansprüche konstruiert werden, wie solche Diskurse in unterschiedlichen medialen Formaten, also etwa in Schulbüchern und in sozialen Medien, reflektiert werden und welche Rolle mediale Eigenlogiken bei der Radikalisierung von Diskursen spielen. Im Fokus stehen dabei landesspezifische gesellschaftliche Kontroversen um Geschichtsnarrative und Erinnerungspraktiken, die beteiligten Akteure und deren Interessen sowie die angewandten medialen Strategien.